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Klagewelle wegen Hartz |
Der Präsident des Landessozialgerichts Essen
fordert 23 zu-sätzliche Richterstellen. 14.000 Klagen anhängig
DÜSSELDORF dpa
Ein Jahr nach der Einführung von Hartz IV rollt eine gewaltige
Klagewelle auf die nordrhein-westfälischen Sozialgerichte zu.
Die Zahl der Gerichtsverfahren im Bereich der früheren
Arbeitslosen- und Sozialhilfe liege in diesem Jahr um 300
Prozent über den Erwartungen, sagte der Präsident des
Landessozialgerichts Essen, Jürgen Brand, der
Neuen Rhein Zeitung/Neuen Ruhr Zeitung. Statt der
kalkulierten 5.000 Fälle seien seit Januar 2005 bei den acht
Sozialgerichten des Landes inzwischen über 14.000 Klagen
anhängig. Nach einer Statistik der Sozialgerichte betreffen
davon 8000 Verfahren das Arbeitslosengeld II.
Da Brand für 2006 nochmals einen deutlichen Anstieg
erwarte, habe er beim NRW-Justizministerium 23 zusätzliche
Richterstellen beantragt. Um die geschätzten Zusatzkosten von
jährlich rund 2,5 Millionen Euro zu reduzieren, sei aber auch
denkbar, Richter aus anderen Bereichen an die Sozialgerichte
zu schicken, so Brand. Ein Stellenzuwachs ist bei den
Sparplänen der Landesregierung derzeit nicht denkbar.
NRW-Justizministerin Roswitha Müller- Piepenkötter (CDU) habe
den Präsidenten des Sozialgerichtes Essen allerdings am 5.
Januar zum Gespräch geladen, sagte gestern ein
Behördensprecher.
Derzeit beträgt die Bearbeitungsdauer der Klagen sieben bis
zwölf Monate. Die meisten Klagen beziehen sich auf die
Anrechnung von Einkommen und Vermögen auf das Arbeitslosengeld
II. Klagewillige Arbeitslose lassen sich häufig von Verbänden
wie dem Sozialverband VdK Nordrhein-Westfalen vor Gericht
vertreten - denen sie dafür beitreten müssen. "Unsere
Mitgliederzahlen nehmen zu, vor allem wegen Hartz IV", sagte
Paul Plank, Justiziar beim VdK. Und: "Wir gewinnen ungefähr
die Hälfte der Verhandlungen." Allerdings reiche der VdK nur
Klage ein, wenn er die Erfolgsaussichten als gut einschätzt.
taz NRW Nr. 7852 vom 22.12.2005, Seite 1, 63
Agentur
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ohne Gleichschritt |
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VON ROBERT MISIK
Das Unbehagen am Kapitalismus zieht Kreise, schon seit
geraumer Zeit. Von Pop bis Film, von Wir sind Helden bis "Die
fetten Jahre sind vorbei" - Gesten des Dagegenseins, eine neue
Kultur des Protestes. Spätestens in diesem Frühjahr ist die
Kapitalismuskritik auch in der Mitte angekommen. Erst Franz
Münteferings Angriff auf die "Ökonomisierung aller
Lebensbereiche", dann das französische "Non" zur EU-Verfassung
und nun der regelrechte Hype um die neue "Linkspartei" - all das
lässt sich auch als das Symptom eines Mangels lesen. Es gibt in
der Bevölkerung weit verbreitete Sentiments, die in der
Politik-Politik, also dem, was bei Wahlen zur Debatte steht,
nicht repräsentiert sind. Das ist derart unübersehbar, dass
jetzt schon die Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung nicht umhin kam zu konstatieren: "Die Zeit
ist reif für neue politische Ideen. Gerade im Moment der größten
Ausdehnung und Wirksamkeit der neoliberalen Ideologie mehren
sich die Zeichen, dass es den Leuten allmählich damit reicht."
Das hat mit sozialer Bedrängnis zu tun, aber nicht
nur. Gewiss, dass sich die Ackermänner stetige
Einkommenszuwächse genehmigen und Massenentlassungen ankündigen,
obwohl die Ertragslage golden ist, verletzt elementare
Gerechtigkeitsnormen; ebenso wie der Umstand, dass Arbeitslose
schikaniert werden, obwohl es für sie keine Jobs gibt, und
andererseits die Kapitalertragssteuern immer weiter sinken.
Darüber grassiert Empörung: dass Menschen als Kostenfaktoren auf
zwei Beinen gelten, so überflüssig wie Waren, die aus der Mode
gekommen sind. Aber wer glaubt, dieses Unbehagen habe in erster
Linie mit Jobverlust und sozialer Ungerechtigkeit zu tun, der
springt zu kurz. Was für schlechte Stimmung sorgt, ist die
Kultur der Alternativlosigkeit und der Umstand, dass das
Ökonomische über die Ufer dessen tritt, was allgemein und
traditionell als "der Markt" akzeptiert ist. Dagegen gibt es
nicht nur Aversion - sondern auch eine Fülle von Verweigerungs-
und Ausbruchsstrategien.
Man muss nur gelegentlich mit jungen Leuten
sprechen, dann begegnet man überall denjenigen, die recht
zielstrebig, aber gleichzeitig auch locker - und das heißt: nie
konsequent - versuchen, nicht mitzutun. "Das trifft genau das,
wie ich lebe", sagt etwa eine junge Frau, die ihren
Lebensunterhalt mit Jobben in einem neoliberalen
Wirtschaftsmagazin bestreitet, ihr "Sinnvakuum" aber (wenn man
das so nennen darf) damit füllt, dass sie für ein freies Radio
arbeitet, das über Sozialbewegungen berichtet. Eine 22-Jährige,
die studiert, nebenbei beim Arbeitsamt ein Mädchenprojekt
betreut und, wenn noch Zeit bleibt, gratis für eine
Sozialinitiative Asylbewerbern aus Afrika hilft, sagt, für sie
komme "nur ein Beruf in Frage, in dem ich mich für meine Ideale
engagieren kann". Ein erfüllender Beruf "mit begrenztem
Einkommen ist mir lieber als ein gut dotierter".
Wer Tiefeninterviews nachliest, die etwa empirische
Sozialforscher machen, oder nur kurz aufmerksam im Internet
surft, wird eine Unzahl von Menschen finden, die - wie die
15-jährige Annika - äußern, sie wollten "sinnvoll leben" und
nicht immer nur das tun, "was einem selber nutzt", oder die
junge Sozialhilfeempfängerin und alleinerziehende Mutter, die
für sich etwas finden möchte, wo sie "sich ,ganz' einbringen"
könnte, so sein kann, wie sie ist. Da tickt der theoretisch
versierte Metropolen-Twen, der auf schräge Sounds steht, auf der
Höhe der Diskurse ist und avancierte Filme guckt, nicht sehr
viel anders als die H&M-Verkäuferin mit Nabelpiercing, die sich
unwohl fühlt, weil sie sich als Repräsentationsfigur der
Markenpersönlichkeit ihres Unternehmens durch ihren
Arbeitsalltag strampelt.
Wenn man von der "Ökonomisierung aller
Lebensbereiche" spricht, dann ist das also nur die halbe
Wahrheit. Dass die Menschen nichts als im Netz zappeln, kann nur
behaupten, wer ziemlich blind durch die Welt geht. Eine solche
Behauptung muss die ungeheure Kreativität und auch Resistenz
ausblenden, die sich an allen Ecken zeigt.
Die jungen Leute, die "ihr Ding" machen statt immer
nur mittun zu wollen, wehren sich gegen die innere Landnahme des
postfordistischen, digitalisierten Kapitalismus, doch sie sind
gleichzeitig seine Kinder. Die Auflösung der starren
Erwerbsbiografien, das tendenzielle Ende der Regelarbeit in Büro
und Fabrik, die Erosion der starren sozialen Milieus hat ihnen
den Boden bereitet. Sie sind die Produkte des
Befreiungsversprechens einer Wirtschaftsweise, in der erst jetzt
"alles Ständische und Stehende verdampft" (Marx, Kommunistisches
Manifest), die jedermann anherrscht, seine "Kreativität" und
"Persönlichkeit" zu entwickeln, und dann bestenfalls unbezahlte
Praktikumsstellen zur Verfügung hat.
Sie sind das Potenzial einer neuen Linken, aber
nicht einer "Linkspartei", die am liebsten zum fordistischen
Arrangement zurückkehren würde. Denn erstens glaubt niemand,
dass eine solche Rückkehr möglich wäre - und außerdem würde es,
zweitens, auch kaum jemand wollen. Eine Retro-Linke, die sich
mit der Verteidigung von Partikularinteressen der alten
Kernmilieus begnügt - "die Interessen der Arbeitnehmer und
Rentner" (Oskar Lafontaine) -, wird keinen großen Magnetismus
haben. Doch wie sähe eine Linke aus, die auf der Höhe der Zeit
ist - und was sind die Probleme, sie zu entwickeln?
Die hipperen linken Milieus sind die, die man als
die "Kulturlinken" bezeichnen könnte. Sie legen viel Wert auf
eine Kultur der Differenz, dass unterschiedliche Lebensweisen
als gleichwertig respektiert werden. Dabei gerät ihnen die
Gleichheit und soziale Gerechtigkeit schon mal aus den Augen -
das ist, auf der Ebene der Politik-Politik, das Drama der
"Grünen". Die traditionelle, gewerkschaftliche Linke wiederum
sieht die chronische Verletzung von Gerechtigkeitsnormen, dass
die Optionen- und Risikogesellschaft für die einen Optionen, für
sie und ihresgleichen aber vornehmlich Risiken bereithält, und
kann nicht verstehen, dass viele Menschen die Auflösung der
starren Gehäuse des fordistischen Arrangements auch als
Befreiung erleben.
Die nächste Großidee müsste das zusammendenken: das
Potenzial an Kreativität, Vielfalt, auch an fröhlicher Dissidenz,
das unsere Gesellschaften prägt - ohne den "Polarstern" (Norberto
Bobbio) der Linken, das Streben nach mehr Gleichheit, aus dem
Blick zu verlieren.
Es ist eine Unart der politischen
Propagandaoffiziere, an dieser Stelle sofort drei, vier
"Konzepte" einzufordern, die man am besten schon morgen in
Gesetzesvorhaben gießen könnte. Die stünden natürlich am Ende
eines Prozesses, der mit den richtigen Bildern, mit einer
glaubwürdigen Rhetorik beginnt. Alles wird schlechter, wir alle
sind Marionetten, von unsichtbaren Fäden bewegt, markengeil und
konsumversessen? Das ist doch ein bisschen zu schwarz, um wahr
zu sein. Eine linke Politik, von Männern in grauen Anzügen im
Funktionärsjargon vertreten? Für die werden sich nur die
erwärmen, die die Bereitschaft mitbringen, sich deprimieren zu
lassen. Die Vielfalt an Resistenz muss auch, gewissermaßen als
Bild, repräsentiert werden. Auch wenn es verdammt schwierig ist,
diese Vielfalt zu organisieren - man muss doch versuchen, sie
wenigstens zu repräsentieren.
Wenn das einmal klar ist, hat es Sinn
durchzubuchstabieren, in welche Richtung es in etwa gehen kann.
Dann ist es vielleicht gar nicht mehr so schwer, ein paar Ideen
zu skizzieren. Man könnte hier an die Konzepte denken, die etwa
Wolfgang Engler in seinem Buch "Bürger, ohne Arbeit" entwirft,
oder Richard Layard in "Die glückliche Gesellschaft". Im
Word-Rap: Ein Bürgergeld, das nicht mehr als
menschenfreundlicherer Ersatz für die Sozialhilfe gedacht ist,
sondern als Existenzsicherung für die vielen, die tätig sind,
deren Leben aber prekär ist; ein Umbau der Sozialsysteme, der
den veränderten Realitäten Rechnung trägt, dem Umstand, dass
Lohneinkommen nicht mehr die völlig überwiegende Form der
Einkünfte sind (die Bürgerversicherung geht da schon in die
richtige Richtung); mehr Chancen für alle als
Generationenaufgabe - Aufwärtsmobilität, die Vermittlung von
Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben für alle beginnt
heute bei den Dreijährigen und resultiert erst in drei
Jahrzehnten in einer egalitäreren Gesellschaft.
Man kann sich da ruhig ein Vorbild an erfolgreichen
Gesellschaften nehmen: Die klassenlosesten Gesellschaften der
Welt sind die skandinavischen, wo die Steuern hoch sind, die
öffentlichen Schulen ausgezeichnet arbeiten und die Kultur durch
gegenseitigen Respekt gekennzeichnet ist. Dann könnten sogar
Arbeitsmarktreformen à la Hartz positive Effekte zeigen: Wenn
sie sich nicht darauf beschränken, die Verlierer noch zu
verhöhnen, sondern wenn das Spektrum der Möglichkeiten für die
heute Unterprivilegierten erweitert wird (wie das selbst die
britische Labour Party vormachte).
Mehr Varianten für ein sinnvolles Leben von so
vielen wie möglich, in einer Gesellschaft, die nicht in Gewinner
und Verlierer zerfällt, sondern deren Mitglieder sich auf
Augenhöhe begegnen: daraus muss doch eine Idee montierbar sein,
für die man sich wieder begeistern kann. |
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Die Angst der
Rechten vor der Linkspartei |
Die rechtsextreme NPD befürchtet das Abwandern von
Protestwählern zu WASG und PDS. Auch Parteienforscher glauben an
eine "Schnittmenge" beim Wählerpotenzial - zumal Oskar
Lafontaine gleichfalls gegen "forcierte Zuwanderung" wettert
AUS BERLIN ASTRID GEISLER
UND KLAUS JANSEN
Das hat den Streitern der "Volksfront von rechts" gerade noch
gefehlt. Nach dem lamentablen Abschneiden bei den letzten
Landtagswahlen waren sie ohnehin weitgehend desillusioniert,
jetzt macht sich bei ihnen auch noch Angst um die letzten
Stimmen breit - die Stimmen der sozial frustrierten, politisch
heimatlosen Protestwähler.
"Viele enttäuschte Wähler werden sich nun dem
Linksbündnis zuwenden, obwohl sie ohne das linke Bündnis
vielleicht eher die nationale Opposition gewählt hätten", warnt
ein Kamerad in einem einschlägigem Neonazi-Internetforum. Andere
sehen noch viel schwärzer. Jetzt hätten sich wohl "alle
Hoffnungen auf rechte Erfolge bei Wahlen in nächster Zeit
weitgehend zerschlagen", lamentiert ein Neonazi.
Schließlich seien die meisten Protestwähler
frustriert über soziale Ungerechtigkeiten - "aber weder
Nationalisten noch Rassisten". Sie würden ihre Denkzettel
demnächst bei den Kandidaten mit der "Gutmenschen-Legitimation"
abgeben - also bei den Gregor Gysis und Oskar Lafontaines, die
für das neue Linksbündnis antreten wollen.
Mit der rechten Volksfront liebäugeln, das
Kreuzchen aber schließlich beim linken Wahlbündnis machen? So
paradox die These klingen mag - Fachleute halten sie für
durchaus stichhaltig. "Eine neue Linkspartei wird viel bündeln,
was sonst nach rechts abgedriftet wäre", urteilt der Duisburger
Parteienforscher Karl-Rudolf Korte.
Auch Richard Hilmer vom Meinungsforschungsinstitut
Infratest dimap sieht "Schnittmengen" in der Wählerschaft von
Rechtsextremen und PDS/WASG. Zum einen wollten sich beide als
Alternative zu den etablierten Parteien präsentieren und
Nichtwähler mobilisieren, die sich "politisch nicht mehr richtig
vertreten fühlen". Zum anderen setzten beide Gruppierungen auf
das Thema soziale Gerechtigkeit, um bei sozial frustrierten
Arbeitslosen und Arbeitern zu punkten.
"Hartz IV muss weg" oder "Quittung für Hartz IV":
Schwer zu sagen, welche Forderung auf der PDS-Fahne steht und
welche auf dem NPD-Banner. So austauschbar sind die Angebote
indes nur auf den ersten Blick. "Ganz deutlich wird der
Unterschied, wenn man die Ausländerfeindlichkeit betrachtet",
sagt Meinungsforscher Hilmer.
Auf dieses Alleinstellungsmerkmal legt man auch in
der Berliner NPD-Zentrale wert, selbst wenn Parteifunktionäre
die Vokabel "ausländerfeindlich" nicht im aktiven Wortschatz
haben. Natürlich seien die Hartz-IV-Frustrierten bei der
Bundestagswahl eine wichtige Klientel, sagt
NPD-Bundesgeschäftsführer Frank Schwerdt. "Aber wir haben einen
ganz anderen Lösungsansatz für soziale Fragen als das
Linksbündnis." Die Linke habe die Zuwanderungspolitik
schließlich vorangetrieben.
Glaubt man dem NPD-Sprecher Klaus Beier, dann will
die Partei im Wahlkampf auf die linke Konkurrenz reagieren. Die
soziale Frage bleibe Thema Nummer eins, aber mit klarerem
"nationalen" Akzent. Da wird das Linksbündnis gewiss nicht
nachziehen, allein weil WASG und PDS sich auf ein
antifaschistisches Selbstverständnis berufen.
Allerdings stimmt das die rechtsextreme Basis nicht
optimistischer. Schließlich, sorgt sich ein Kamerad, streue
Lafontaine bei seinen Talkshow-Auftritten ebenfalls "nationale
Phrasen". Zum Beispiel, "dass es hierzulande zuerst um den
deutschen Arbeitnehmer gehen sollte". Fehlalarm eines allzu
nationalen Sozialisten? Nicht unbedingt. Die Rechtspostille
Junge Freiheit merkte Anfang Juni an,
Lafontaines Beamtenschelte sei genau wie sein Ja zur
Einschränkung des Asylgrundrechts auch bei "potenziell ,rechten'
Protestwählern" angekommen.
Wer sich selbst überzeugen will, kann auch in
Lafontaines jüngstem Polit-Wälzer "Politik für alle" nachlesen.
"Die forcierte Zuwanderung wird in Deutschland einzig von den
oberen Zehntausend gefordert, die von deren Folgen gar nicht
oder nur am Rande betroffen sind", schreibt der Ex-SPD-Chef. Und
fordert, der Staat müsse "zuallererst für diejenigen sorgen, die
seine Bürger sind".
Meinungsforscher Hilmer ist allerdings sicher, dass
die rechtsextreme "Volksfront" auch ohne Konkurrenz von links
chancenlos wäre. "Die haben viel größere andere Probleme." So
fehlten NPD und DVU vorzeigbare Kandidaten. Außerdem habe sich
die "Volksfront" seit den spektakulären Wahlerfolgen in
Ostdeutschland bereits publikumswirksam selbst vorgeführt: "Wenn
eine Partei ,Arbeit für Deutsche' propagiert, aber ihre Zeitung
in Polen drucken lässt - dann kriegen die Wähler das schon mit."
taz Nr. 7691 vom 16.6.2005, Seite 7, 152 Zeilen
(TAZ-Bericht), ASTRID GEISLER / KLAUS JANSEN |
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Alfred
Krätzschmar |
Landauf, landab
behauptet sich die Doktrin, längere Arbeitszeiten sicherten
Arbeitsplätze — wider alle Vernunft.
Der gesunde
Menschenverstand und die neoliberale Lehre driften an dieser
Stelle deutlich auseinander.
Alfred Krätzschmar
erklärt warum.
Der große Irrtum unserer Zeit liegt darin, dass wir die
durch Verwendung von Maschinen gewonnene Muße dazu verwenden,
noch mehr und noch schneller zu arbeiten.
Paul Morand
Die Erkenntnis obigen Zitats sei zunächst mit nüchternen
Zahlen zu untermauert:
Die Summe des Arbeitsvolumens (Summe der geleisteten
Arbeitsstunden) in Westdeutschland ging von 1950 bis 2004 um
etwa ein Drittel zurück, während sich das Bruttoinlandsprodukt
um das Fünffache erhöhte. Der Warenverkauf in In- und Ausland
stieg dem Umsatz nach zwischen 1992 und 2002 in
Westdeutschland von 1048 Mrd. DM auf 1326 Mrd. DM, bei einem
Rückgang der Beschäftigung von 8,62 Millionen auf 6,39
Millionen. Diese Tendenz setzt sich fort, da immer mehr
technische Erfindungen gemacht werden, die die lebendige
Arbeit, also die des Arbeiters und Angestellten, ersetzt.
Laut Stern vom
16.Juli 2004 reichen 20% der arbeitsfähigen Menschen aus, um
die gesamte Weltwirtschaft zu bestreiten. Mit anderen Worten:
in hoch entwickelten Industrienationen wie der unsrigen wird
ein ständig wachsendes Konsumangebot mit immer weniger
lebendiger Arbeit geschaffen.
Dies müsste
logischerweise zur Folge haben, dass der Wohlstand in einem
solchen Land kontinuierlich steigt. Eine solche Sicht ist
nicht nur logisch, sondern auch wissenschaftlich
unwiderlegbar.
Verschiedene Sichtweisen
Die erste Grundvoraussetzung dafür ist, dass der technische
Fortschritt, die ständige Produktivitätssteigerung in der
Wirtschaft ein solches für die Bevölkerung positives Ergebnis
bringt, ist, dass die Wirtschaft ihre Hauptaufgabe darin sieht,
die materiellen und ideellen Bedürfnisse zu befriedigen.
Die
zweite Voraussetzung für den reibungslosen Absatz der ständig
anwachsenden Konsumgütermengen ist, dass die Kaufkraft der
Bevölkerung entsprechend dem Konsumangebot erhöht wird. Für den
Laien ist das sog. »Badewannensystem« einleuchtend: Erweitert
man den Zufluss (das Konsumangebot) und soll die Badewanne nicht
überlaufen, muss man auch den Abfluss (Löhne, Kaufkraft)
erweitern. Auch das ist logisch und für jeden Menschen
einsehbar.
Legt man
diese unwiderlegbaren Tatsachen zugrunde, dürften jedem
denkenden Menschen die Äußerungen unserer Wirtschaftskapitäne,
Manager und führenden Politiker, es müsse mehr, länger und
schneller gearbeitet werden, wir müssten »den Gürtel enger
schnallen«, wir hätten »über unsere Verhältnisse gelebt« als
völlig absurd und jeder Logik widersprechend erscheinen.
Es ist
schon kurios, dass bei ständig steigendem Konsumangebot die
Menschen, die dieses Angebot erarbeiten, »den Gürtel enger
schnallen« oder mehr und schneller arbeiten sollen, obwohl
Millionen Menschen gleichzeitig aus dem Arbeitsprozess
ausgeschlossen sind. Wieso hat die Bevölkerung »über ihre
Verhältnisse gelebt«? Wenn das produzierte Warenangebot nicht
einmal vollen Absatz findet? Lebt man nicht eher dann über seine
Verhältnisse, wenn man mehr konsumiert, als man herstellen kann?
Warum
aber äußern sog. Wirtschaftswissenschaftler und führende
Politiker solch unverständliche Forderungen? Die Ursache dafür
liegt einzig und allein im Vorhandensein und in der Beibehaltung
einer sog. »freien Marktwirtschaft«.
In einer
»freien Marktwirtschaft« wirken u.a. drei ökonomische Gesetze:
das Gesetz der Profitmaximierung, das Gesetz der Konkurrenz und
das Gesetz von Angebot und Nachfrage.
Dies
bedingt, dass die führenden Ökonomen eine gänzlich andere
Sichtweise auf die Wirtschaft haben als eingangs dargelegt. Sie
gehen vom Unternehmer aus, nicht vom Lohnabhängigen. Unter
kapitalistischen, marktwirtschaftlichen Bedingungen geht es
nicht primär darum, mit erhöhter Konsumproduktion den Wohlstand
der Bevölkerung zu mehren, sondern um die maximale Steigerung
des Profits der Eigner der Wirtschaftsunternehmen; zugleich gilt
es, im Konkurrenzkampf aller gegen alle bestehen zu können.
Für die
Verwirklichung dieser Ziele hat die Politik günstige
Rahmenbedingungen zu schaffen, also solche, die für die
Wirtschaft maximale Gewinnmöglichkeiten eröffnen:
Steuersenkungen für Unternehmen, Niedriglohnsektoren,
Abschaffung des Kündigungsschutzes etc.
Deshalb
sind in einem solchen Wirtschaftssystem solche offenkundig
unvernünftigen Forderungen »vernünftig«, denn wo solche
ökonomischen Gesetze am Werk sind, ist eine solche Sicht der
Dinge notwendig. Profite steigen eben nur dann, wenn die Kosten
gesenkt und die Produktivität erhöht wird. Solange der Mensch
mit seiner Arbeitskraft ein Kostenfaktor ist, kann er nur
Spielball der Eigner der Wirtschaft sein.
Gezwungen
durch den Konkurrenzkampf auf dem freien Markt, bleibt dem
Unternehmer aber keine Wahl: er muss alle Möglichkeiten der
Produktivitätssteigerung nutzen, um im Existenzkampf bestehen zu
können.
Der immanente Widerspruch
Eine derartige Entwicklung bei den Großbetrieben hat
natürlich entsprechende Auswirkungen für Klein- und
Mittelbetriebe. Hier zeigt sich deutlich das Dilemma einer
kapitalistischen Marktwirtschaft. Es führt in der Perspektive zu
einem Desaster, weil Profite einerseits und Löhne als
Kostenfaktoren andererseits einen antagonistischen Gegensatz
bilden. Steigende Löhne mindern den Profit, und umgekehrt.
Das
»Wolfsgesetz« des Kapitalismus, wo es im Konkurrenzkampf um Sein
oder Nichtsein geht, erfordert von den Unternehmen, ohne Wenn
und Aber ihre Rentabilität und Rendite ständig zu steigern,
wollen sie nicht im Kampf aller gegen alle untergehen. Im Rahmen
der Globalisierung verlegen immer mehr Unternehmen ihre Betriebe
in Billiglohnländer, um Kosten zu sparen. Diese Tendenz wird
sich zwangsläufig fortsetzen, die Arbeitslosigkeit dadurch
steigen und der Lebensstandard der lohnabhängigen
Bevölkerungsschichten sinken.
Solange
solche objektiven ökonomischen Bedingungen vorliegen, wie sie
nunmal im Kapitalismus herrschen, ist jeder Appell an das
Gewissen der Unternehmer, patriotischer zu sein, sozialer zu
handeln, oder dass Eigentum verpflichtet (Art.14 Grundgesetz),
völlig sinnlos. Die ökonomischen Gesetze der freien
Marktwirtschaft wirken unabhängig vom Willen des Menschen. Wem
diese Gesetze bekannt sind, der wundert sich nicht — nicht über
die Arbeitslosigkeit, noch über die Forderungen der
Unternehmervertreter, länger, schneller und billiger zu
arbeiten, noch über Regierungsmaßnahmen we Steuersenkungen für
Unternehmen oder die vielen sog. Reformen im Arbeits- und
Gesundheitsrecht.
Selbstverständlich öffnet sich dabei die Schere zwischen Arm und
Reich immer weiter.
In der BRD betrug das Gesamtprivatvermögen
1991 2,2 Billionen DM
2002 3,6 Billionen DM
Davon besitzen:
755.000 Millionäre = 1% 2,5 Billionen DM
75.000.000 = 99% 1,1 Billionen DM
Das Produktionsvermögen beziffert sich auf 3,5% Billionen DM. Es
ist im Besitz von 6% der Bevölkerung, 94% gehen leer aus.
Den
wahren, brutalen Charakter einer kapitalistischen
Marktwirtschaft versucht man sprachlich zu verbrämen, indem man
Wettbewerb statt Konkurrenz sagt, Freisetzung statt Kündigung
oder Entlassung, oder von sozialer Marktwirtschaft spricht.
Es muss
einmal ganz deutlich gesagt werden:
Wer in
einem marktwirtschaftlichen kapitalistischen Wirtschaftssystem
leben möchte und dazu noch in einer globalisierten Welt, der
muss auch für die sich zwangsläufig daraus ergebenden negativen
Erscheinungen Verständnis aufbringen und sie kritiklos
hinnehmen. Er muss wissen, dass sie systemimmanent sind und
nicht durch gute Worte oder Appelle behoben werden können.
In einem
solchen Wirtschaftssystem führen die Maschinen, die lebendige
Arbeit ersetzen, eben nicht zu mehr Freizeit, Muße, Freiheit
sondern bei den Lohnabhängigen zu mehr Arbeitslosigkeit und
Lohndruck, bei den die Maschinen besitzenden Firmen zu mehr
Profit. Wäre das nicht so, hätten wir kein kapitalistisches
Wirtschaftssystem.
Alfred Krätzschmar
(Diplom-Ökonom) |
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Auszug aus ver.di LBV-Beschluss
vom 07.04.05 |
| Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, der
ver.di-Landesbezirksvorstand hat sich in seiner Sitzung am 07.
April
2005 unter anderem mit einem Spiegel-Interview des
DGB-Vorsitzenden Michael Sommer auseinander gesetzt.
Nach einer sehr eingehenden und zum Teil sehr kritischen
Diskussion hat der ver.di-LBV nachfolgenden Beschluss gefasst:
Wir brauchen Gewerkschaften, die sich an die Spitze der Bewegung
gegen die Zerstörung der Sozialversicherungen stellen und sich
für eine Reform der Sozialsysteme einsetzen, die wirklich gegen
die Risiken von Krankheit,
Erwerbslosigkeit, Armut und Alter schützen.
Bei Hartz IV handelt es sich nicht um Schlachten der
Vergangenheit. Hartz
IV bedeutet seit dem 1. Januar 2005 ganz aktuell von 340 ?
(West) leben und
jede noch so schlecht bezahlte Erwerbsarbeit annehmen zu müssen.
Wir
fordern einen Mindestlohn und eine Grundsicherung, um den
Erpressungen der Arbeitgeber entgegentreten zu können. Das
stärkt Gewerkschaften auch in den Tarifauseinandersetzungen.
Bei der Gesundheitsreform kann es nicht Gewerkschaftsposition
sein, dass
Gesundheitsleistungen künftig auch privat finanziert werden
müssen. Wir
fordern den Erhalt der gesetzlichen Krankenversicherung, die
Rücknahme
aller Leistungskürzungen und die Stärkung der Einnahmeseite,
damit
Gesundheit keine Ware wird und alle Menschen den gleichen Zugang
zu
Gesundheitsleistungen haben.
Die umlagefinanzierte Rente bedarf keiner Ergänzung durch
kapitalgedeckte
Systeme. Gewerkschaftliche Position war immer, dass ein
umlagefinanziertes Rentensystem das billigste und effizienteste
Altersversicherungssystem ist, dass die kapitalgedeckte Rente
für den einzelnen nicht nur erheblich teurer, sondern auch das
(durch die Risiken des Kapitalmarktes) weitaus unsicherste
System der Alterssicherung darstellt.
Der ver.di Landesbezirksvorstand ist nicht der Ansicht, dass der
Weg der
Agenda 2010 unumkehrbar eingeschlagen ist. Der ver.di -
Landesbezirk NRW fordert weiterhin die Rücknahme der Agenda 2010
und der Hartz-Gesetze und wird sich konsequent für eine andere
Politik einsetzen.
Wir bitten euch, diesen Beschluss und die politische
Zielorientierung, die
mit den Aussagen verbunden sind, in euren Gremien, mit euren
Kolleg/innen, in den Betrieben, in den Verwaltungen weiter zum
Thema zu machen.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Bernd Vallentin
i.A. Dagmar Bienefeld
ver.di Landesbezirk NRW
Abt. Landespolitik/Verbindungsbüro
Karlstr. 123 - 127
40210 Düsseldorf
Tel. 0211/61824-119/120
FAX. 0211/61824-462 |
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Kinderarmut nimmt zu! |
29-MAY-05, KIRSTEN BOLDT
(Kölner Stadtanzeiger 30.5.05)
In Deutschland nimmt die Kinderarmut zu, immer häufiger trifft
es die Jüngsten. Materielle Einschränkung der Eltern
verdüstert die Zukunftsperspektive ihrer Kinder.
>> Artikel
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in Köln lebt jedes 4. Kind in Armut! |
Ethnische Herkunft und Armut hängen oft zusammen.
>> Artikel
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